Live Call #Kriegsenkel - Was tun, wenn die Kriegskinder-Eltern alt und immer fordernder werden?

Kriegsenkel sind in besonderer Weise mit ihren Eltern, den Kriegskindern, verbunden, um nicht zu sagen, verstrickt. Was tun, wenn sie älter und immer fordernder werden? Das ist unser Thema im Live Call #Kriegsenkel auf ZOOM, heute Abend, 18.30- 19.30 Uhr. Eingeladen habe ich Petra Schlitt, Angehörigencoach und Demenzberaterin, sie gibt Tipps für #elternkümmerer.

Das ist das Thema heute Abend im Live Call #Kriegsenkel.

Warum stellt sich diese Frage überhaupt? Weil Kriegsenkel ein besonderes Verhältnis zu ihren Kriegskinder-Eltern haben.
Die Kriegskinder sind in der Zeit zwischen 1928 - 1946 geboren. Wir wissen, dass die Welt schon dann kein sicherer Ort mehr war.
Die Kriegskinder-Eltern haben die nationalsozialistische Erziehung erlitten, viele haben die Verfolgung ihrer Familien mitbekommen, viele sind bereits als Kinder in KZs gesteckt worden, dann haben sie noch den Krieg, die Flucht und Vertreibung im biografischen Gepäck.
Dabei sind 30 % dieser Kinder sind schwer traumatisiert worden, 30 % nur leicht. Insgesamt haben wir es mit 60 % zu tun.

Kurz gesagt: Kriegsenkel sind in einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen, mit oftmals traumatisierten Kriegs- und Flüchtlingskindern als Eltern. Das ist der gesellschaftliche Rahmen.

Welche Auswirkungen hatten diese gesellschaftlichen Bedingungen nun auf die Familien? Was hat das familiendynamisch bewirkt?

Da in der Nachkriegszeit nicht über dieses Leid gesprochen werden konnte, - im Land der Täter durfte es keine Opfer geben - , waren die Kinder - die Kriegsenkel - für dieses Leid zuständig. Kriegsenkel - die Kinder - sind in die Rolle der Tröstenden gegangen, in die Rolle der Streitschlichter zwischen den Eltern, in die Rolle der Organisatoren und Manager der Familien. Nicht umgekehrt.
Kriegsenkel haben sich von Kindesbeinen an um ihre Eltern kümmern und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, weil sie gespürt haben, dass ihre Eltern großes Leid haben.

Dabei haben sie früh gelernt, für sich einzustehen, für die Eltern und häufig auch noch für die Geschwister zu sorgen. Das hat sie weit gebracht, nicht umsonst haben wir viele Kriegsenkel, die sich in Führungspositionen befinden, die sich mutig selbständig gemacht haben und überhaupt, die ganz eigene Wege gegangen sind und gehen.

Was sie weniger gut gelernt haben, ist, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Die Auswirkungen davon sind, dass sie zumeist mehr geben als nehmen. Diese Haltung bestimmt die Gestaltung ihrer Beziehungen: Sie geben immerzu, sie tun sehr viel für Beziehungen und sie vermissen so etwas wie "wirkliche" Begegnungen.

Die Gestaltung der Beziehung zwischen den Eltern und ihren Kindern - den Kriegsenkeln also - hat sich auch im Laufe der Zeit - also bis heute - häufig gar nicht oder nur unwesentlich zu damals - in der Kindheit - verändert.

Immer noch - und wenn die Eltern pflegebedürftig oder gar sterbenskrank sind ... erst recht - meinen Kriegsenkel immer mehr geben zu müssen. ... häufig bis zur vollständigen Aufgabe ihres eigenen Lebens.

Aber ... ist das der einzige Weg, mit den alten und pflegebedürftigen Eltern umzugehen?

Viele versuchen, sich von den Ansprüchen der Eltern mühsam abzugrenzen. Schnell bekommen sie dann aber Schuldgefühle und sind umgehend wieder bei ihrem alten Verhalten und geben und geben und geben.

Ich möchte heute Abend einmal etwas anderes vorschlagen und Sie einladen, einmal darüber nachzudenken, was wäre, wenn Sie Ihre eigenen Bedürfnisse in Bezug auf Ihre Eltern in den Mittelpunkt stellen?

Was wäre, wenn Sie sich einmal fragten, was Sie (noch) von Ihren Eltern bräuchten?

... was Sie sich noch von Ihren Eltern wünschen?

Was wünschen Sie sich (noch) von Ihren Eltern und was genau müssten Sie dann tun, um das zu bekommen?

Ich habe heute Abend Petra Schlitt eingeladen, die sich seit einigen Jahren mit den Elternkümmerern befasst und bin gespannt, was sie für Ideen dazu hat.

Petra Schlitt - (Über)Lebenstipps für Elternkümmerer, www.petraschlitt.de/ 

Wer beim nächsten Live Call #Kriegsenkel dabei sein will, schreibe mir eine Mail: mailto(at)meyer-legrand.eu, dann verschicke ich den Link zu unserem Raum auf ZOOM.

Am nächsten Mittwoch geht es um Einsamkeit.

Melde Dich gleich an: mailto(at)meyer-legrand.eu

 

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Kommentar von Ulrike |

Liebe Ingrid, liebe Petra, liebe Teilnehmer*innen,

danke für diese konzentrierte und informative Stunde.
Mich hat sehr nachdenklich gemacht, was du an Fragen vorschlägst, und ich werde mir Zeit für Antworten nehmen.
Im Übrigen: was wenn es noch gar nicht so richtig zum "eigenen Leben" gekommen ist?!?

Ich durfte durch deine empathische Unterstützung erleben, wie es sich in der Rolle "Kind" anfühlt - großartig!

Ulrike

Kommentar von Ingrid Meyer-Legrand |

Liebe Ulrike, ich danke Dir für Dein schönes Feedback!!! Ich freue mich, dass Dich dieser Live Call #Kriegsenkel nachdenklich macht und Du Lust hast, auch den Fragen nachzugehen. Deine Frage finde ich auch interessant. Wenn es noch nicht so richtig zum "eigenen Leben" gekommen ist, wird es für viele einfach höchste Zeit. Zum "eigenen" Leben zu kommen, kann bedeuten, sich zu fragen, was man (noch) von den Eltern braucht und was man sich als Tochter oder Sohn von ihnen wünscht. Mit dem eigenen Leben beginnen, kann heißen, sich seiner eigenen Wünsche und Bedürfnisse bewusst zu werden und nach ihnen zu leben.... auch in Bezug auf die immer älter werdenden Eltern! - Danke, dass Du beim Live Call dabei warst! Nächsten Mittwoch geht's dann um EINSAMKEIT. - Ingrid

Kommentar von Caroline1982 |

Ich finde diese Fragen verblüffend. Als Singlefrau ohne Kinder habe ich den Eindruck, sowieso immer schon um mich selbst zu drehen, aber beim genaueren Hingucken merke ich, wie viel ich gebe, gebe, gebe. Spüre ich nur im Ansatz nach bei diesen Fragen, kommt eine große Resignation hoch... meine Mutter schreibt mir zwar in einem wütenden Brief, dass sie sich Sorgen um mich mache, aber es geht ihr nur darum, dass ich weiter so mache wie bisher.

Heute Vormittag habe ich mit einer systemischen Beraterin gearbeitet und sie meinte irgendwann "ihr Vater ist erwachsen und kann selber für sich sorgen". Krass... ich fühle mich emotional so zuständig für ihn und will ihn bemuttern und beschützen. Das ist wohl dieses "Parentifizieren".

Es sind so uralte diffuse Gefühlsschichten... ich werde mich an diesem dunklen Samstagabend einmal hinsetzen und diese wertvollen Fragen wirklich durchgehen. Aufschreiben. Nein, ich werde nicht mehr darum kämpfen irgendetwas bekommen zu wollen, weil das so furchtbar frustrierend ist. Aber aufschreiben... und gucken, was ich damit machen kann.

Was ich als meinen neuen Trick in meinem Handtäschchen habe... meine Eltern hatten nie, nie Zeit. Immer geschäftig. Ich will ihnen keine Vorwürfe machen, aber ich werde diese Karte ihnen gegenüber auch einfach einmal spielen. Verzeih, ich habe so mega viel zu tun... (auch wenn ich wie Eleanor Roosevelt tief davon überzeugt bin, dass wir alle sehr viel mehr Zeit haben, als wir denken...).