Live Call #Kriegsenkel

Mama. – Das Kriegskind –

Wer war sie eigentlich?

Die Auseinandersetzung mit der Mutter ist für viele Kriegsenkel:innen ein vermintes Gelände. Man weiß oft nicht, wohin man den Fuß oder auch nur den Blick setzen darf, ohne eine Explosion aus Vorwürfen, Zurückweisungen oder alten Verletzungen zu riskieren. Und doch führt kein Weg an ihr vorbei.

Angeregt durch die erneute Lektüre von „Maman“ von Sylvie Schenk (2023) möchte ich dich einladen, dich dieser Frage noch einmal zu nähern:

Wer war – und wer ist – deine Mutter?

„Sie war ein stummer Mensch mit blauen Augen und einem Verstand, der damit beschäftigt war, seine Mängel zu kaschieren.“ Eine Zumutung, so ein Satz. Aber vielleicht auch eine Tür zu der heiklen Frage:

Hättest du gern eine andere Mutter gehabt?

„Eine Mutter, die einen anregenden Dialog mit mir geführt hätte … eine, die wusste, wo es langging …“ 

Und dann die vielleicht schwierigste Frage von allen:

Hast du sie geliebt?

„Ich habe sie geliebt, wie man ein seltsames Wesen liebt, das zu einem gehört. Ein Geheimnis, das man bewahrt. Eine Raritätenmutter, die man beschützen muss, auch wenn ich sie manchmal abstoßend fand.“

Eine Liebe zwischen Nähe und Fremdheit, Schutzimpuls und Abstoßung. Eine Liebe zwischen Loyalität und immer wieder großem Zweifel.

Und schließlich:

Wofür ist sie verantwortlich? Was hast du von ihr übernommen?

Vielleicht mehr, als dir lieb ist? Aber vielleicht auch mehr, als du bisher sehen konntest?

„Ich stehe auf beiden Seiten. Einerseits auf der Seite der Studierten, der Ärzte, der Professoren mit großen Bibliotheken, der doppelzüngigen Rechtsgelehrten, der politisch korrekten Lehrer, andererseits auf der Seite der Ungebildeten, der Einfachen, der Stummen, der Loser, der Idioten, der Ängstlichen, der Abhängigen, der Irrenden. Ich bin da, bin dazwischen...“ 

Ich bin dazwischen.

Dieser Satz berührt einen zentralen Punkt vieler Kriegsenkel:innen-Erfahrungen:
das Gefühl, zwischen den Welten zu stehen: zwischen Bildung und Sprachlosigkeit, zwischen Stärke und Anpassung, zwischen Klarheit und Verstrickung. Schlicht zwischen allen Stühlen!

Ich selbst setze mich gerade wieder intensiv mit meiner Mutter auseinander und merke, wie lebendig diese Fragen geblieben sind:

Wer war sie eigentlich? Und wer bin ich im Verhältnis zu ihr?

Sylvie Schenk schreibt davon, das „No Man’s Land“ der Mutter zu kartieren, es zu betreten und ihm Konturen zu geben. Vielleicht ist genau das ein entscheidender Schritt: Sollten wir nicht alle „Mamans No Man’s Land kartieren und bereisen, damit sie Konturen und Relief annimmt, damit sie nicht verloren geht“? 

Dann lernen wir dieses innere Gelände noch mehr kennen und müssen es nicht länger meiden. Damit bekommt unsere Mutter eine Geschichte! Und wir unsere eigene! 

Diesen Fragen wollen wir im kommenden Kriegsenkel:innen LiveCall gemeinsam nachgehen. Der nächste kostenfreie Kriegsenkel:innen LiveCall findet am  15.04.26, in der Zeit, von 19.30 bis 20.30 Uhr, statt. 

Bist du dabei? Dann melde dich hier an: mailto@meyer-legrand.eu. Ich schicke dir den Link.

Herzliche Grüße
Ingrid

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